Von Claudia Moser, Systemische Coach für Kinderwunsch
Mit Kinderwunschweg meine ich die Zeit zwischen dem Wunsch nach einem Kind und dem weiteren persönlichen Weg – unabhängig davon, ob dieser zu einer Schwangerschaft, einer Kinderwunschbehandlung oder irgendwann zu einem Leben ohne eigenes Kind führt. Dieser Weg kann Monate oder Jahre dauern und viele Menschen körperlich und psychisch stark belasten.
Welche Auswirkungen ein unerfüllter Kinderwunsch auf die Psyche haben kann, habe ich ausführlich auf meiner Themenseite Kinderwunsch und Psyche beschrieben.
Lange bevor ich meinen eigenen Kinderwunschweg begann, machte ich eine Erfahrung, die mich bis heute begleitet.
Mit einem Freund wollte ich den berühmten Fernwanderweg GR 20 auf Korsika gehen – 180 Kilometer durch das Hochgebirge, verteilt auf 16 Etappen. Ich war sportlich, motiviert und überzeugt, dass ich diese Herausforderung meistern würden.
Rückblickend waren wir allerdings deutlich schlechter vorbereitet, als wir glaubten.
Ohne große Planung starteten wir im Frühsommer. Ich war fit, wanderte gerne – das sollte genügen. Mein Freund und ich wollten in Berghütten übernachten und hatten für den Notfall ein kleines Zelt, Haferflocken, Trockenfrüchte und gefriergetrockneten Eistee dabei.
Doch schon nach kurzer Zeit merkten wir, dass die Realität ganz anders aussah:
Schon damals fragte ich mich, warum wir uns so schlecht vorbereitet hatten? Warum stiegen wir nicht ins Tal ab, als das Essen knapp wurde? Warum riskierten wir unsere Gesundheit, obwohl wir jederzeit hätten umkehren können?
Damals fand ich keine wirkliche Antwort.
Erst viele Jahre später wurde mir klar, dass ich auf meinem Kinderwunschweg dieselben Fehler noch einmal machte – nur mit sehr viel schwerwiegenderen Folgen.
Heute sehe ich drei Denkfehler, die uns auf Korsika unnötig an unsere Grenzen brachten. Und genau diese drei Muster begegnen mir auch immer wieder bei Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch – bei meinen Klient und, wenn ich ehrlich bin, auch bei mir selbst.
Erst viele Jahre später wurde mir klar: Auf Korsika und auf meinem Kinderwunschweg waren es nicht die äußeren Umstände allein, die mich an meine Grenzen brachten. Es waren vor allem drei Denkfehler. Genau diese Muster begegnen mir heute auch immer wieder in meiner Arbeit mit Klient:innen.
Wer einen langen Weg unterschätzt, gerät oft schneller an seine Grenzen, als ihm bewusst ist.
Auf Korsika stellten uns Hochgebirge, wechselnde Wetterbedingungen, unzureichende Verpflegung und die Übernachtungen im Zelt vor deutlich größere Herausforderungen als erwartet.
Beim Kinderwunsch passiert etwas Ähnliches. Viele Paare starten mit der verständlichen Erwartung, dass es schon klappen wird. Wenn Monate vergehen, Kinderwunschbehandlungen hinzukommen oder Rückschläge eintreten, merken viele erst nach und nach, wie groß die psychische und körperliche Belastung tatsächlich werden kann.
Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, stark genug zu sein. Sondern darin, rechtzeitig anzuerkennen, wie fordernd dieser Weg werden kann.
Wenn dich dieses Thema gerade beschäftigt, findest du hier 9 mentale Strategien, die dir helfen können, emotional stabil zu bleiben.
Unser Fokus lag ausschließlich darauf, Conca zu erreichen. Als die Lebensmittel knapp wurden, kam uns nicht einmal der Gedanke, ins Tal abzusteigen und neue Vorräte zu besorgen.
Auf dem Kinderwunschweg wiederholt sich dieses Muster häufig. Viele Menschen haben verständlicherweise nur einen Plan: ein gemeinsames Kind. Je länger der Weg dauert, desto stärker kann sich das gesamte Leben auf dieses eine Ziel verengen.
Ein Plan B bedeutet nicht, den Kinderwunsch aufzugeben. Er bedeutet, das eigene Leben nicht vollständig von einem einzigen Ausgang abhängig zu machen.
Die ständige Anstrengung, der Hunger und die Höhenluft ließen uns immer weiterlaufen. Einmal brach ich in einem Schneefeld bis zu den Schultern ein. Selbst das war für mich kein Anlass, innezuhalten.
Auf dem Kinderwunschweg geschieht etwas Ähnliches. Viele funktionieren einfach weiter. Sie verschieben Erholung, ignorieren Erschöpfung und hoffen, dass nach der nächsten Behandlung oder dem nächsten Zyklus alles besser wird.
Wer dauerhaft gegen die eigenen Warnsignale lebt, riskiert, dass aus Belastung irgendwann Erschöpfung oder sogar eine Depression wird.
Wenn du merkst, dass der Kinderwunsch zunehmend deinen Alltag bestimmt oder deine Kraft nachlässt, findest du in meinem Artikel Stress beim Kinderwunsch weitere Anregungen, wie du dieser Entwicklung frühzeitig entgegenwirken kannst.
Das Abenteuer auf Korsika gehört zu meinem Leben, und ich möchte diese Erfahrung nicht missen. Mit viel Glück ist damals nichts Schlimmes passiert. Trotzdem hatte die Tour ihren Preis: Ich war so auf das Ziel und auf die nächste Mahlzeit fixiert, dass ich selbst offensichtliche Warnsignale kaum noch wahrnahm. Bis heute überfällt mich manchmal leichte Panik, wenn ich das Gefühl habe, nicht genug zu essen zu bekommen.
Als mein Mann und ich uns Jahre später ein Kind wünschten, starteten wir mit einer ähnlichen Selbstverständlichkeit. Wir gingen davon aus, dass es schon klappen würde.
Wir hatten keine Vorstellung davon, wie sehr dieser Weg unser Leben verändern würde. Wir hatten nicht damit gerechnet,
Rückblickend erkenne ich dieselben drei Denkfehler wieder, die mich schon auf Korsika begleitet hatten.
Ich unterschätzte die emotionale Belastung, als nach zwölf Monaten noch immer keine Schwangerschaft eingetreten war.
Unser Denken kreiste fast nur noch um Plan A. Andere Möglichkeiten nahmen wir zwar wahr, beschäftigten uns damit aber kaum.
Und je länger mein Kinderwunsch unerfüllt blieb, desto häufiger überhörte ich die leisen Warnsignale meines Körpers und meiner Seele. Der Wunsch nach einem Kind bestimmte immer mehr meinen Alltag – und ich verlor zunehmend den Blick dafür, wie es mir eigentlich ging.
Viele Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch glauben, sie hätten etwas falsch gemacht, wenn sie sich irgendwann erschöpft, überfordert oder innerlich blockiert fühlen.
Dabei zeigt meine Erfahrung: Die meisten reagieren nicht über, sondern ganz normal auf eine Situation, die über Monate oder Jahre enorm viel Kraft kosten kann.
Der Kinderwunsch fordert uns auf eine Weise heraus, auf die wir kaum vorbereitet sind. Anfangs überwiegt die Hoffnung und Vorfreude. Mit jedem negativen Schwangerschaftstest, jeder neuen Behandlung und jedem weiteren Monat verändert sich jedoch häufig die innere Haltung. Aus Zuversicht wird Druck. Aus Geduld wird Warten. Aus einem Herzenswunsch kann nach und nach das Gefühl entstehen, unbedingt erfolgreich sein zu müssen.
Genau an diesem Punkt begegnen mir in Coachings immer wieder dieselben drei Muster:
Diese Muster sind kein Zeichen von Schwäche, sondern eine verständliche Reaktion auf eine außergewöhnlich belastende Lebenssituation.
Praktisches Wissen ist entscheidend: Wann sind die fruchtbaren Tage? Welche Ernährung unterstützt die Fruchtbarkeit? Wie verändert sich die Fruchtbarkeit im Laufe des Lebens? Beide Partner sollten sich gut informieren – nicht bis ins kleinste Detail, aber so, dass sie sich sicher fühlen.
Genauso wichtig ist die mentale Vorbereitung: Schwanger werden und ein Kind auf die Welt bringen ist nicht immer „die natürlichste Sache der Welt“. Manchmal dauert es Monate, manchmal Jahre, manchmal klappt es gar nicht.
Selbst die beste Kinderwunschbehandlung bietet keine Garantie. Wir können die Chancen unterstützen, aber das Timing bleibt ein Geheimnis der Natur.
Wer von Anfang an versteht, dass der persönliche Einfluss begrenzt ist, reduziert den Druck und die zermürbenden Gedanken wie „Ich muss es schaffen“.
Unser Plan auf Korsika war einfach: Die Stadt Conca erreichen. Beim Kinderwunschweg verhielt es sich ähnlich. Wir hatten nur Plan A: ein Kind bekommen. Das machte uns blind für andere Wege und trieb uns an unsere Grenzen. Heute empfehle ich, von Anfang an Alternativen zu bedenken. So hängt nicht das gesamte Glück von einem einzigen Ergebnis ab.
Viele Menschen planen jeden Arzttermin sorgfältig. Kaum jemand plant genauso bewusst Zeiten ein, in denen der Kinderwunsch einmal nicht im Mittelpunkt steht.
Regelmäßige Pausen helfen, innezuhalten, Kraft zu tanken und den eigenen Standpunkt zu prüfen. So kannst du gestärkt weitermachen – oder bewusst entscheiden, den Weg zu ändern. Pausen sind deutlich weiser, als eine Kinderwunschbehandlung nach der anderen zu machen und dabei die eigene Gesundheit zu riskieren.
Der Kinderwunsch kann wie ein steiler Gebirgspfad sein – körperlich und seelisch. Niemand muss diesen Weg allein gehen. Emotionale Unterstützung durch Freunde, Familie oder Coaches ist nicht nur erlaubt, sondern ein Zeichen von Selbstfürsorge.
Wenn du merkst, dass der Kinderwunsch auch deine Partnerschaft verändert, findest du in meinem Beitrag zu Partnerschaft und Kinderwunsch Anregungen und Informationen, die euch helfen können, besser miteinander durch diese Zeit zu gehen.
Es gibt Situationen, in denen Gespräche mit Freunden oder der Familie nicht mehr ausreichen. Wenn der Kinderwunsch den Alltag bestimmt, die Partnerschaft belastet oder die Gedanken kaum noch zur Ruhe kommen, kann professionelle Begleitung helfen.
Im Coaching geht es nicht darum, den Kinderwunsch aufzugeben oder Entscheidungen vorzugeben. Es geht darum, wieder handlungsfähig zu werden, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und den weiteren Weg bewusst zu gestalten.
Wenn du herausfinden möchtest, ob mein Coaching dich in deiner aktuellen Situation unterstützen kann, vereinbare gern ein kostenfreies Erstgespräch.
Mein Mann und ich haben zwei Kinder früh in der Schwangerschaft verloren. Damals konnte ich mir kaum vorstellen, jemals wieder glücklich zu werden. Heute sind wir im Reinen mit unserem Schicksal und führen ein zufriedenes und erfülltes Leben.
Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, erkenne ich viele Parallelen zu der Wanderung auf Korsika mit meinem Freund. Damals stiegen wir nicht rechtzeitig ins Tal ab, obwohl wir längst an unsere Grenzen gekommen waren. Auf meinem Kinderwunschweg tat ich etwas Ähnliches – nur mit sehr viel schwerwiegenderen Folgen.
Ich bemerkte lange nicht, wie sehr mich der unerfüllte Kinderwunsch körperlich und seelisch erschöpfte. Ich funktionierte weiter, hoffte weiter und wollte nicht wahrhaben, wie schlecht es mir inzwischen ging. Schließlich fiel ich in eine Depression, die mich über Jahre begleitete.
Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass mir so etwas passieren könnte. Ich hatte mich immer als belastbar und mental gefestigt erlebt. Gerade deshalb weiß ich heute, wie wichtig es ist, Warnsignale ernst zu nehmen und sich nicht dafür zu schämen, Unterstützung anzunehmen.
Was würde ich heute anders machen?
Ich würde die Herausforderungen des Kinderwunschwegs nicht unterschätzen.
Ich würde mein Leben nicht von einem einzigen Ausgang abhängig machen.
Und ich würde viel früher auf meinen Körper und meine Seele hören.
Genau deshalb ist mir meine Arbeit heute so wichtig. Niemand kann den Ausgang eines Kinderwunsches garantieren. Aber jeder Mensch kann lernen, achtsamer mit sich selbst umzugehen, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und sich rechtzeitig Unterstützung zu holen.
Auf dem Kinderwunschweg sind Selbstfürsorge, Achtsamkeit und rechtzeitige Unterstützung keine Zeichen von Schwäche. Sie helfen dabei, den eigenen Weg zu gehen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Wenn dieser Artikel dazu beiträgt, dass auch nur ein Mensch früher auf die eigenen Warnsignale hört als ich damals, dann hat sich das Schreiben gelohnt.
Claudia Moser ist Systemische Coach und ausgebildete PEP®-Coach. Sie begleitet Frauen, Männer und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch dabei, emotional stabil zu bleiben, Stress abzubauen und ihren eigenen Weg selbstbestimmt zu gestalten.
Die Herausforderungen eines unerfüllten Kinderwunsches kennt sie aus eigener Erfahrung. Gerade deshalb verbindet sie in ihrer Arbeit persönliche Erfahrung mit systemischem Coaching. Seit vielen Jahren hat sie sich auf die psychische Begleitung von Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch spezialisiert.
Claudia lebt mit ihrem Mann in Karlsruhe. Sie liebt mehrtägige Trekkingtouren in den Bergen und gesellige Kochabende mit Freunden. Mehr über Claudia und ihre Arbeit auf dem Kinderwunschweg findest du auf coachingkinderwunsch.de.
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