„Entspann dich, dann klappt das schon!“ Ein Satz, den viele Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch nur zu gut kennen. Doch wie soll man entspannen, wenn es um einen Herzenswunsch geht, der den eigenen Lebensentwurf betrifft? Und was steckt wirklich hinter dieser Aussage? In diesem Artikel geht es um den Stress rund um das Thema Kinderwunsch, warum es so wichtig ist, für Entlastung zu sorgen, und welche Strategien dabei helfen.
Dieser Artikel könnte im ersten Moment leider noch etwas mehr Anspannung auslösen, als du eh schön verspürst. Das tut mir leid.
Trotzdem habe ich mich entschieden, offen darüber zu schreiben, wie Stress entsteht, wenn der Kinderwunsch nicht so einfach in Erfüllung geht. Denn genau dieser Stress kann die Chancen auf eine Schwangerschaft beeinträchtigen und unsere seelische Gesundheit stark belasten.
Aus meiner persönlichen Erfahrung, aus vielen Coaching-Gesprächen mit Betroffenen und gestützt durch wissenschaftliche Erkenntnisse, weiß ich: Die meisten Betroffenen unterschätzen, wie tiefgehend belastend ein unerfüllter Kinderwunsch, die damit verbundenen Behandlungen und das Gefühl, „nicht dazuzugehören“ sein können.
Man ist dieser Situation aber nicht hilflos ausgeliefert – auch wenn es sich manchmal genau so anfühlt, das weiß ich. Deshalb widmet sich der dritte Teil dieses Artikels ausführlich der Frage, welche innere Haltung in dieser Zeit stärken kann und was du konkret tun kannst, um Stressgefühle zu lösen.
Von klein auf lernen wir, Pläne zu schmieden und umzusetzen. Mit Fleiß, Ausdauer und Anstrengung erreichen wir unsere Ziele – so die gängige Überzeugung. Kein Wunder also, dass viele auch beim Kinderwunsch davon ausgehen, dass sich dieser gezielt planen und kontrollieren lässt. „Du musst dich nur genug anstrengen, dann kannst du alles erreichen!“ Beim Thema Kinderkriegen gilt das leider nicht. Leben zu erschaffen, liegt schlicht nicht allein in Menschenhand.
Keine Frau kann vorhersagen, ob und wann sie schwanger wird – auch nicht mit Unterstützung der Reproduktionsmedizin. Diese Ungewissheit trifft viele Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch mit voller Wucht und löst oft starke emotionale Reaktionen aus: Dazu gehören Enttäuschung und Angst, Ohnmacht und Traurigkeit, Scham und Ärger oder Neid, wenn andere Paare schwanger werden. Auch Schuldgefühle und Selbstvorwürfe können dazugehören.
Je länger die Erfahrung der Kinderlosigkeit andauert, desto häufiger sind oft die Grübeleien: „Habe ich etwas falsch gemacht? Warum trifft es ausgerechnet uns? Das ist so ungerecht!“ Solche Gedanken können in eine Gedankenspirale führen, aus der man nur schwer wieder herausfindet – vor allem, wenn der Kinderwunsch zunehmend das Leben bestimmt.
Die Reproduktionsmedizin kann in einigen Fällen glücklicherweise dabei helfen, den Kinderwunsch zu erfüllen. Allerdings unterschätzen viele den emotionalen Stress, den eine Kinderwunschbehandlung mit sich bringt. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend empfinden 73 % der Frauen und 67 % der Männer die seelische Belastung im Nachhinein als besonders hoch. (Wippermann)
Oft denkt man: „Wenn ich am Ende ein Kind bekomme, dann lohnt sich der ganze Stress.“ Doch das Problem ist, dass es selten bei einer einzigen Behandlung bleibt. Häufig folgt eine weitere – und noch eine. Dann sagt man sich: „Jetzt haben wir schon so viel investiert, beim nächsten Mal klappt es bestimmt.“ Im Verlauf der Behandlung besteht die Gefahr, in einen Sog zu geraten und sein Heil stets im nächsten Behandlungsschritt zu suchen. Und so bleibt man in diesem Kreislauf aus Hoffen und Bangen gefangen.
Schleichend staut sich der empfundene Stress an und kann sich chronisch festsetzen.
In unserer Gesellschaft steht ein gemeinsames Kind noch immer für eine erfüllte Partnerschaft und gelebte Sexualität – und ist damit eng mit dem Selbstbild von Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden. Für viele Paare wird ein unerfüllter Kinderwunsch daher zu einer großen emotionalen Belastung. (Wischmann, Stammer)
Hinzu kommt, dass der Kinderwunsch oft unterschiedliche Bedeutungen für den Partner / die Partnerin hat. Das kann zu Spannungen führen, vor allem wenn intime Momente plötzlich nach Plan ablaufen müssen. Die „Sexualität nach Kalender“ kann den Druck auf beide Partner erheblich verstärken.
Auch die Art und Weise, wie jeder Einzelne mit dieser Belastung umgeht, ist verschieden. Während die eine Person vielleicht offen über ihre Gefühle spricht, zieht sich die andere eher zurück. Das kann zu Missverständnissen und Verletzungen führen, obwohl beide eigentlich nur versuchen, mit der Situation umzugehen.
Ungewollte Kinderlosigkeit und Kinderwunschbehandlungen sind in unserer Gesellschaft noch immer mit vielen Vorurteilen und Fehlinformationen behaftet. Wer keine Kinder bekommt oder medizinische Hilfe in Anspruch nimmt, läuft häufig Gefahr, stigmatisiert zu werden.
Aus Angst vor negativen Reaktionen entscheiden sich daher viele Betroffene bewusst dafür, nicht offen über Diagnosen oder Behandlungspläne zu sprechen. Stattdessen versuchen sie, die belastende Situation alleine oder als Paar zu bewältigen. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Frauen und Kinder aus dem Jahr 2020 ist dies für viele ein Akt des sozialen Selbstschutzes. (Wippermann)
Indiskrete Fragen und oft gut gemeinte, aber wenig hilfreiche Ratschläge aus dem Umfeld verstärken das Gefühl der Isolation zusätzlich: „Wann ist es denn bei euch endlich soweit?“ – „Entspann dich, dann klappt das schon.“ – „Sei doch froh, Kinder machen auch viel Arbeit.“ Solche Bemerkungen können sehr verletzend sein, selbst wenn sie aus Unwissenheit entstehen.
Seit vielen Jahren erforschen Wissenschaftler, wie sich Stress auf die Fruchtbarkeit und den Erfolg von Kinderwunschbehandlungen auswirkt. Während einige Studien auf einen klaren Zusammenhang hinweisen, finden andere keine eindeutigen Belege.
Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass Stress indirekt die Fruchtbarkeit und die Chance auf eine Schwangerschaft beeinflussen kann. Zum Beispiel:
Ungesunde Bewältigungsstrategien: In stressigen Zeiten greifen viele zu Zigaretten, Alkohol oder anderen Substanzen, um sich zu entspannen. Das kann jedoch bei Männern die Spermienqualität und bei Frauen den Menstruationszyklus oder die Eizellqualität negativ beeinflussen.
Ungesunde Ernährungsgewohnheiten: Stress führt häufig zu ungesundem Essverhalten – entweder zu viel oder zu wenig. Über- oder Untergewicht kann sich jedoch nachteilig auf die Fruchtbarkeit auswirken.
Weniger Intimität: Wenn der Druck zu groß wird, leidet oft auch die Libido. Weniger Lust auf Sex bedeutet weniger Gelegenheiten für eine Schwangerschaft.
Schlechter Schlaf: Chronischer Stress kann zu Schlafstörungen führen. Ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus kann hormonelle Ungleichgewichte auslösen, die den Zyklus der Frau beeinflussen und auch die Spermienqualität des Mannes beeinträchtigen.
Angesichts der vielschichtigen Herausforderungen auf emotionaler, persönlicher, finanzieller, partnerschaftlicher und sozialer Ebene ist es kaum überraschend, dass ein unerfüllter Kinderwunsch für viele Menschen zu einer enormen seelischen Belastung wird. Das „Nicht-Ereignis“ kann das ganze Leben in Frage stellen, am Selbstvertrauen nagen und das Gefühl von Selbstwert erschüttern.
„Ich habe das Gefühl zu versagen.“ höre ich oft von Klientinnen und Klienten. Solange keine Erlösung durch den Eintritt einer Schwangerschaft erfolgt, staut sich der Stress Monat für Monat an. Bleibt Stress unbehandelt, kann er chronisch werden und in eine Depression führen.
Egal, ob du am Anfang der Kinderwunschreise stehst, dich mitten darin befindest oder schweren Herzens Abschied von diesem Traum nimmst – deine seelische und körperliche Gesundheit solltest du immer im Blick behalten. Niemand kann wissen, wie lange man ungewollt kinderlos sein wird. Daher ist es besonders wichtig, dass man langfristig bei Kräften bleibt – körperlich und mental.
Im Folgenden zeige ich, was laut Wissenschaft besonders hilfreich sein kann, und ergänze dies mit Erfahrungen aus meiner Beratungspraxis.
Keine Frau kann sicher wissen, ob und wann sie schwanger wird – weder auf natürlichem Weg noch mit medizinischer Unterstützung. Leben zu erschaffen, liegt schlicht nicht allein in Menschenhand. Umso hilfreicher ist es, sich von Anfang an ein paar klärende Fragen zu stellen – für sich selbst und als Paar. Das mag zwar auf den ersten Blick unromantisch wirken, aber die Antworten können während der oft ungewissen Wartezeit Orientierung geben und wichtige Entscheidungen erleichtern.
Fragen, die dir helfen, Klarheit zu gewinnen:
Tipp für Paare: Es ist hilfreich, die Fragen zunächst individuell zu beantworten und anschließend die Gedanken miteinander zu teilen. So lassen sich mögliche Unterschiede erkennen und gemeinsam besprechen. Sollten sich im Verlauf des Kinderwunschprozesses neue Erkenntnisse oder Erfahrungen ergeben, ist es völlig in Ordnung, frühere Entscheidungen zu überdenken. Wichtig ist, immer wieder zu einem gemeinsamen Verständnis zu finden.
Übrigens: Diese Fragen sind nicht nur zu Beginn des Weges hilfreich, sondern können auch in späteren Phasen des Kinderwunschprozesses Orientierung bieten.
Manchmal erzählen mir Klientinnen und Klienten, dass sie Angst haben, über einen „Plan B“ nachzudenken. Sie befürchten, dass dies ihre Chancen, schwanger zu werden, verringern könnte. Doch wenn man nur einen „Plan A“ hat – nämlich ein Kind zu bekommen – macht man sich davon abhängig, dass dieser Plan klappt. Es erzeugt imensen Druck, ein Ziel erreichen zu wollen, das man nicht vollständig kontrollieren kann.
Eine Studie aus dem Jahr 2013 zeigt, dass sich die Beschäftigung mit einem möglichen „Plan B“ bereits während der Kinderwunschbehandlung, stressmindernd auf Betroffene auswirkt. Dabei geht es darum, alternative Wege wie Adoption oder auch andere Lebensziele und Lebensentwürfe in Betracht zu ziehen. Eine ergebnisoffene und gelassene Haltung gegenüber dem Wunsch nach einem Kind kann die empfundene Lebensqualität deutlich positiv beeinflussen, so das Ergebnis. (Stöbel-Richter, Sender, Brähler, Strauß)
Wie wichtig die Partnerschaft für Stabilisation und Trost während der Kinderwunschbehandlung ist, belegt eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2020.
Hier sind einige Bewältigungsstrategien, die anderen Betroffenen geholfen haben:
Darüber sprechen: In meiner Beratung erzählen Paare oft, dass beide die Situation unterschiedlich wahrnehmen und unterschiedlich damit umgehen. Das führt leicht zu Missverständnissen. Viel besser, als im Stillen irritiert zu sein oder sich zu ärgern ist es, miteinander im Gespräch zu bleiben. Den anderen immer wieder mal fragen: Wie geht´s dir damit? Und auch zu erzählen, wie es einem selbst damit geht.
Sich mental und körperlich fit halten: Viele Paare regenerieren sich, indem sie regelmäßig Pausen vom „Kinderwunschprojekt“ einlegen und sich in dieser Zeit bewusst anderen Lebensinhalten zuwenden. Aktivitäten, die ihnen Spaß machen, auf andere Gedanken bringen und andere Gespräche anstoßen. Sport, Natur, Weiterbildungen, Hobbys, Reisen, Gartenarbeit, kochen oder einfach mal nichts tun. Was es auch sein mag. Warum nicht einen Tag in der Woche zum kinderwunschfreien Tag ernennen? Leistungssportler wissen, dass Pausen essenziell für die Regeneration sind. In der Regenenerationszeit wird Körper und Geist die Chance gegeben, sich den Belastungsreizen anzupassen.
Tagebuch führen: Wer gene schreibt, hat damit eine wunderbare Möglichkeit, die Gedanken täglich zu ordnen, Ballast abzuwerfen und innerlich wieder etwas zur Ruhe zu kommen.
Brief an das Wunschkind: Viele Menschen mit Kinderwunsch können sich gut vorstellen, wie es wäre, wenn ihr Wunschkind da ist. Diese Gedanken in einem Brief an das ungeborene Kind festzuhalten, kann befreiend wirken – sowohl während der Zeit des Wartens auf die Erfüllung dieses Traums als auch dann, wenn man Abschied davon nehmen muss.
Während der Wartezeit kann der Brief helfen, die eigenen Wünsche und Hoffnungen klarer zu sehen und mit den Gefühlen besser umzugehen. Wenn der Moment kommt, den Traum vom eigenen Kind loszulassen, kann es tröstlich sein, noch einmal festzuhalten, was man sich erträumt hat und was man auf diesem Weg erlebt und durchgestanden hat.
Paare finden ganz unterschiedliche Wege, mit diesem Brief umzugehen. Manche bewahren ihn an einem besonderen Ort auf, etwa unter einem Baum im Garten. Andere falten ein Papierboot daraus und lassen es auf einem Fluss treiben. Wieder andere verbrennen den Brief an einem schönen Ort in der Natur und verabschieden sich so bewusst von ihrem Traum. Der eigenen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
Viele Menschen zögern, über ihren unerfüllten Kinderwunsch zu sprechen. Doch die Belastung wird oft noch größer, wenn man mit den Herausforderungen allein bleibt. Hilfe anzunehmen wird dabei häufig als Schwäche missverstanden – dabei zeugt es von echter Stärke und Eigenverantwortung.
Überlege, wer in deinem sozialen Umfeld als vertrauensvolle Gesprächspartnerin oder Gesprächspartner in Frage kommt. Kinderwunschvereine, Selbsthilfegruppen und Online-Communities bieten die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.
Darüber hinaus gibt es Therapeut:innen, Coaches und Berater:innen, die auf emotionale Entlastung und Stärkung bei unerfülltem Kinderwunsch spezialisiert sind.
Übrigens: Oftmals bieten Therapeut:innen, Coaches und Berater:innen ein kostenloses Erstgespräch an, um zu sehen, ob die „Chemie“ stimmt und die Unterstützung passend ist. Probiere das doch einfach mal aus. Du kannst nur gewinnen.
Ich möchte diesen Beitrag mit den Worten der systemischen Therapeutin Bettina Klenke-Lüders beenden: „Ein Kind ist nicht zu ersetzen, aber auch ohne Kind kann ein glückliches Leben gelingen.“
Mir gefällt dieser Gedanke so gut, weil er den innigen Wunsch nach einem Kind würdigt und gleichzeitig daran erinnert, dass es noch viele andere, erfüllende Lebenskonzepte gibt.
Quellenangabe:
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Claudia Moser ist Systemische Coach und ausgebildete PEP®-Anwenderin. Sie hilft Menschen mit Kinderwunsch dabei, Stress abzubauen und zuversichtlich und selbstbestimmt den eigenen Weg zu finden. Claudia kennt die Herausforderungen eines unerfüllten Kinderwunsches aus dem eigenen Leben. Sie lebt mit ihrem Mann in Karlsruhe, liebt Trekkingtouren im Himalaya und spontane Kochabende mit Freunden.