Warten beim Kinderwunsch –
wenn das ganze Leben mitwartet

Von Claudia Moser, Systemische Coach für Kinderwunsch

Frauen und Männer warten an einer roten Ampel, während der Verkehr an ihnen vorbeifährt.

Wenn Warten eine olympische Disziplin wäre, hätten viele Frauen und Männer mit Kinderwunsch gute Chancen auf eine Medaille.

Warten auf die fruchtbaren Tage. Auf einen Arzttermin. Auf eine Diagnose. Darauf, ob sich genügend Eizellen gebildet haben, ob sie sich befruchten lassen. Auf den Schwangerschaftstest. Auf die Periode – beziehungsweise darauf, dass sie nicht kommt.

Wie lange dauert es eigentlich, schwanger zu werden? Diese Frage beschäftigt viele Paare irgendwann. Statistische Werte nach Alter und Zeitraum zeigen, wie unterschiedlich lange es bis zum Eintritt einer Schwangerschaft dauern kann. 

Und dann gibt es dieses besondere Warten: Du willst endlich wissen, wie es weitergeht, und gleichzeitig fürchtest du dich vor genau diesem Moment.

Anstrengend wird es, wenn nach und nach immer mehr vom eigenen Leben mit in diesen Schwebezustand gerät.

Wenn das Leben mit in die Dauerschleife des Wartens gerät

Irgendwann geht es beim Warten nicht mehr nur um den nächsten Termin oder das nächste Ergebnis. Auch andere Entscheidungen geraten auf einmal ins Stocken.

Eine Fernreise wird erst einmal nicht gebucht. Ein beruflicher Wechsel erscheint gerade ungünstig. Die Weiterbildung könnte schwierig werden, falls eine Behandlung ansteht. Mit dem Umzug wartet man lieber noch. Und ein sportliches Ziel für das nächste Jahr? Schwer zu planen, wenn niemand weiß, was bis dahin sein wird.

Eine mögliche Schwangerschaft, die noch gar nicht eingetreten ist, bekommt plötzlich viel Mitspracherecht bei der Lebensplanung.

Natürlich gibt es gute Gründe, einzelne Vorhaben an eine Kinderwunschbehandlung anzupassen. Schwierig wird es, wenn aus einzelnen Entscheidungen langsam ein grundsätzliches Gefühl wird:

Ich warte lieber erst mal ab. Wer weiß, was in ein paar Monaten ist. 

Auch die Partnerschaft kann von diesem Warten geprägt sein. Vieles dreht sich um Termine, Behandlungen und die Frage, ob es diesmal klappt. Dabei kann aus dem Blick geraten, dass das gemeinsame Leben längst weitergeht. Wie sehr der Kinderwunsch das Miteinander verändern kann, beschreibe ich ausführlicher unter Kinderwunsch und Partnerschaft.

Weiterleben heißt nicht aufgeben

Viele sind es gewohnt, sich anzustrengen, dranzubleiben und auf ein Ziel hinzuarbeiten. Beim Kinderwunsch stößt dieses Prinzip an Grenzen. So sehr man sich auch anstrengt: Eine Schwangerschaft lässt sich nicht sicher erreichen.

Trotzdem kann schnell das Gefühl entstehen, man müsse möglichst viel tun und dürfe nicht nachlassen. Wenn anderes wieder mehr Raum im Leben bekommt, kann deshalb ein schlechtes Gewissen auftauchen.

Dabei bedeutet Weiterleben nicht, den Kinderwunsch weniger ernst zu nehmen. Es bedeutet, fürsorglich mit sich selbst zu sein und einen Ausgleich zu dem zu schaffen, was in dieser Zeit belastet und Kraft kostet.

Denn wenn das eigene Wohlbefinden immer stärker davon abhängt, ob es klappt, bekommt ein Ergebnis sehr viel Gewicht, das man selbst nur begrenzt beeinflussen kann. Pausen, Bewegung, Arbeit, Interessen oder Zeiten, in denen der Kinderwunsch ein wenig in den Hintergrund rückt, können entlasten und helfen, stabil zu bleiben.

Wie du in dieser Zeit besser mit Belastung und Stress umgehen kannst, beschreibe ich ausführlicher in meinem Artikel  Stress bei Kinderwunsch: 7 Wege zu mehr Gelassenheit.

Was kann trotzdem weitergehen?

Manches Warten lässt sich nicht vermeiden. Auf Termine, Untersuchungsergebnisse, den nächsten Behandlungsbeginn oder darauf, ob es diesmal geklappt hat.

Aber nicht alles im Leben muss deshalb mitwarten. Manche Dinge lassen sich auch jetzt weiterführen, beginnen oder planen – vielleicht anders als ursprünglich gedacht und mit etwas mehr Flexibilität.

Und falls eine Schwangerschaft eintritt, lässt sich ja vieles noch einmal neu entscheiden oder anpassen.

Das kann eine Reise sein, eine Weiterbildung, ein berufliches Vorhaben, Sport, ein Treffen mit Freunden oder etwas, das du schon länger machen möchtest. Nicht alles davon wird jederzeit passen. Aber es lohnt sich zu prüfen, was wirklich warten muss – und was nur deshalb auf später verschoben wird, weil man denkt, dass es bei einer Schwangerschaft ohnehin nicht mehr passt, oder weil es sich falsch anfühlt, den Kinderwunsch nicht ganz in den Mittelpunkt zu stellen.

Dabei können diese Fragen helfen:

Es geht dabei nicht darum, diese Zeit möglichst sinnvoll zu nutzen oder besonders aktiv zu sein. Sondern darum, nicht alles andere im Leben mit an der roten Ampel warten zu lassen.

Denn auch die Kinderwunschzeit ist Lebenszeit.

Die Autorin

Claudia Moser ist systemische Coach und begleitet Frauen, Männer und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Das Warten auf dem Kinderwunschweg kennt sie auch aus eigener Erfahrung – in dieser Disziplin war sie selbst ziemlich gut trainiert. Heute unterstützt sie Menschen dabei, ihren Kinderwunsch ernst zu nehmen, ohne das übrige Leben dauerhaft in Wartestellung zu versetzen. Mehr über mein Coaching bei unerfülltem Kinderwunsch.

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