Warten beim Kinderwunsch – wenn plötzlich das ganze Leben mitwartet

Von Claudia Moser, Systemische Coach für Kinderwunsch

Frauen und Männer warten an einer roten Ampel, während der Verkehr an ihnen vorbeifährt.

Wenn Warten eine olympische Disziplin wäre, hätten viele Frauen und Männer mit Kinderwunsch irgendwann gute Chancen auf eine Medaille.

 

Warten auf die fruchtbaren Tage. Auf den Arzttermin. Auf einen Rückruf. Auf eine Diagnose oder eine OP. Darauf, ob sich genügend Eizellen gebildet haben und ob sie sich befruchten lassen. Auf den Schwangerschaftstest. Auf die Periode – beziehungsweise darauf, dass sie bitte nicht kommt.

 

Und dann gibt es dieses besondere Warten: Du willst endlich wissen, wie es weitergeht, und gleichzeitig fürchtest du dich vor genau diesem Moment.

 

Denn an diesen Ergebnissen hängt viel. Hoffnung, weitere Behandlungen, Entscheidungen – und oft ganz konkrete Vorstellungen davon, wie das eigene Leben weitergehen soll. Einfach „locker lassen“ funktioniert da nicht.

 

Irgendwann wird der Kalender nicht mehr nur nach Montag, Dienstag und Mittwoch sortiert. Es gibt Tage vor dem Eisprung, nach dem Transfer, vor dem Test oder bis zum nächsten Termin.

 

So weit, so Kinderwunsch.

 

Anstrengend wird es, wenn nach und nach immer mehr vom eigenen Leben mit in die Warteschleife gerät.

Plötzlich wartet dein halbes Leben mit

„Was, wenn ich dann schwanger bin?“

 

Dieser Gedanke kann erstaunlich viele Entscheidungen beeinflussen.

 

Die Fernreise? Vielleicht lieber noch nicht buchen. Ein beruflicher Wechsel? Gerade ungünstig. Die Weiterbildung? Könnte schwierig werden. Umziehen? Erst einmal abwarten. Ein sportliches Ziel für das nächste Jahr? Wer weiß, was dann ist.

 

Eine mögliche Schwangerschaft, die noch gar nicht eingetreten ist, bekommt plötzlich erstaunlich viel Mitspracherecht bei der Lebensplanung.

 

Natürlich gibt es gute Gründe, bestimmte Vorhaben an eine Kinderwunschbehandlung anzupassen. Schwierig wird es, wenn aus einzelnen Entscheidungen langsam ein Lebensgefühl wird:

 

Ich kann gerade nicht nach vorne planen.

 

Auch als Paar kann man gemeinsam ins Warten geraten. Reisen, Unternehmungen und gemeinsame Ziele werden auf später verschoben. Viel gemeinsame Zeit dreht sich um den nächsten Termin, die Behandlung oder die Frage, ob es diesmal geklappt hat.

 

Dabei kann aus dem Blick geraten, dass das gemeinsame Leben längst stattfindet.

 

Wie sehr der Kinderwunsch auch das Miteinander verändern kann, beschreibe ich ausführlicher unter Kinderwunsch und Partnerschaft.

Wenn sich Lockerlassen wie Aufgeben anfühlt

Es sind nicht nur die großen Entscheidungen, die in Wartestellung geraten können. Auch Freude und Leichtigkeit können davon betroffen sein.

 

In meinen Coachings begegne ich vielen Menschen, die es gewohnt sind, sich anzustrengen, wenn ihnen etwas wirklich wichtig ist. Ein Ziel haben, dranbleiben, etwas dafür tun – das hat in ihrem Leben bisher ziemlich gut funktioniert.

 

Beim Kinderwunsch funktioniert diese Rechnung plötzlich nicht mehr. Du kannst sehr viel tun und trotzdem nicht bestimmen, wie es ausgeht.

 

Und dennoch bleibt dieser vertraute innere Antrieb: Ich muss weiter dranbleiben. Ich darf jetzt bloß nicht nachlassen.

 

Eine Klientin sagte einmal zu mir:

„Ich habe es gar nicht verdient, ein Kind zu bekommen, wenn ich mich nicht ausreichend anstrenge.“

 

Dieser Satz ist mir im Gedächtnis geblieben. Denn er zeigt, wie weit das gehen kann: Selbst ein schöner Abend, eine Reise oder ein paar Stunden, in denen der Kinderwunsch keine Rolle spielt, können sich irgendwann wie Nachlassen anfühlen.

 

Und auch das Warten selbst kann fast zur Aufgabe werden: den Körper beobachten, recherchieren, Termine organisieren, vorausdenken, hoffen und sich auf das nächste Ergebnis vorbereiten. Wie du mit dieser dauernden Anspannung umgehen kannst, findest du auch in meinem Artikel über Stress bei Kinderwunsch.

 

Nicht alles, was in dieser Zeit liegen bleibt, wird bewusst aufgeschoben. Das ständige Hoffen und Bangen kostet Kraft. Andere werden schwanger, eine Behandlung verläuft anders als erhofft, die eigene Zukunft bleibt unsicher. Da kann es schwerfallen, überhaupt Pläne zu machen oder sich auf etwas anderes einzulassen.

Manche Menschen beschreiben es eher als ein Gefühl, festzustecken oder wie gelähmt zu sein.

Weiterleben heißt nicht aufgeben

Wenn diese Zeit gerade viel Kraft kostet und du dich erschöpft fühlst, muss es nicht gleich um große Pläne gehen. Vielleicht ist es erst einmal etwas Kleines: ein Nachmittag in der Sauna, ein freier Tag, ein Essen mit Freunden oder etwas, auf das du schon länger Lust hast.

 

Solche Momente nehmen dem Kinderwunsch nichts von seiner Bedeutung.

 

Und vielleicht ist irgendwann wieder etwas Größeres denkbar: ein Urlaub, ein sportliches Ziel, eine Weiterbildung, ein beruflicher Wechsel oder gemeinsame Pläne als Paar.

 

Auch die Kinderwunschzeit ist Lebenszeit.

 

Das bedeutet nicht, dass diese Zeit jetzt möglichst fröhlich, sinnvoll oder intensiv gestaltet werden muss. Ausgerechnet Freude sollte nicht zur nächsten Aufgabe auf einer ohnehin schon ziemlich langen Kinderwunsch-To-do-Liste werden.

 

Ein paar unbeschwerte Stunden, Vorfreude auf eine Reise oder ein neuer Plan bedeuten nicht, den eigenen Kinderwunsch zu verraten.

 

Vielleicht lohnt sich hin und wieder die Frage, ob eine Entscheidung tatsächlich vom Kinderwunsch abhängt – oder ob die mögliche Schwangerschaft längst vorsorglich über Dinge mitentscheidet, die auch jetzt ihren Platz haben könnten.

 

Wie stark der Kinderwunsch Gedanken, Gefühle und den Alltag bestimmen kann, findest du ausführlicher auf meiner Seite Kinderwunsch und Psyche.

Was muss wirklich warten?

Manches Warten lässt sich nicht vermeiden. Bei anderen Dingen lohnt sich ein zweiter Blick.


Vielleicht helfen dir diese drei Fragen:


  • Was muss wegen meines Kinderwunsches gerade tatsächlich warten?
  • Was würde ich gerne tun oder entscheiden – und halte mich zurück, obwohl es vielleicht gar nicht nötig wäre?
  • Und was könnte ich heute einfach mal von der Warteliste streichen?


Vielleicht bleibst du trotzdem noch eine ganze Weile Expertin oder Experte fürs Warten. Manche Dinge lassen sich auf dem Kinderwunschweg schlicht nicht beschleunigen.


Aber deshalb muss nicht alles andere mitwarten.


Auch diese Zeit gehört zu deinem Leben.

Die Autorin

Claudia Moser ist systemische Coach und begleitet Frauen, Männer und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Das Warten auf dem Kinderwunschweg kennt sie auch aus eigener Erfahrung – in dieser Disziplin war sie selbst ziemlich gut trainiert. Heute unterstützt sie Menschen dabei, ihren Kinderwunsch ernst zu nehmen, ohne das übrige Leben dauerhaft in Wartestellung zu versetzen. Mehr über mein Coaching bei unerfülltem Kinderwunsch

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