Von Claudia Moser, Systemische Coach für Kinderwunsch
Bild mit Hilfe von KI generiert
Spätestens im September liegen die ersten Lebkuchen in den Supermarktregalen. Für viele beginnt damit die Vorfreude auf Weihnachten. Bei unerfülltem Kinderwunsch kann dieser Anblick etwas ganz anderes auslösen:
Schon wieder Weihnachten.
Wieder geht ein Jahr zu Ende, ohne dass sich der Kinderwunsch erfüllt hat. Überall ist von Familie, Geborgenheit und leuchtenden Kinderaugen die Rede. Vielleicht hast du dir längst vorgestellt, wie Weihnachten mit einem eigenen Kind wäre und welche Traditionen du weitergeben möchtest.
An Weihnachten wird diese Vorstellung besonders lebendig. Und damit auch das, was fehlt.
Neben der Traurigkeit kann an diesen Tagen auch etwas anderes Platz bekommen: Ruhe, Nähe oder ein Moment, auf den du dich ehrlich freuen kannst.
Weihnachten ist eng mit Familie verbunden. Selbst Menschen, die mit Kirche oder Traditionen wenig anfangen können, begegnen in diesen Wochen überall Bildern von Eltern und Kindern.
Dazu kommt der Jahreswechsel. Ein weiteres Jahr ist vergangen. Vielleicht gab es Untersuchungen, Behandlungen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Vielleicht hattest du im vergangenen Januar gedacht: Nächstes Weihnachten wird alles anders sein.
Nun ist Dezember und die erhoffte Veränderung ist ausgeblieben.
Auch Treffen mit der Familie können anstrengend werden. Kinder stehen im Mittelpunkt, jemand verkündet eine Schwangerschaft oder fragt, wie es bei euch weitergeht. Vielleicht möchtest du dich ehrlich mitfreuen und merkst gleichzeitig, wie weh die Situation tut.
Beides kann nebeneinander bestehen. Du musst deine Traurigkeit nicht wegdrücken und auch keine gute Stimmung vorspielen.
Ich hatte das Glück, dass meine Eltern uns Kindern jedes Jahr ein schönes Weihnachtsfest bereitet haben: mit Christbaum, Plätzchen, Liedern und Bergen von Geschenkpapier. Der neue Schlafanzug lag gewaschen bereit und konnte gleich angezogen werden.
Als mein Kinderwunsch unerfüllt blieb, veränderte sich mein Blick auf Weihnachten. Ich mochte den Zauber des Festes weiterhin. Genau dieser Zauber machte mich zugleich traurig und zuweilen auch wütend.
Mein Mann und ich entschieden uns deshalb einige Male, über Weihnachten zu verreisen.
Auf einem Campingplatz in Südafrika verging das Fest recht unspektakulär. Bei 30 Grad im Schatten kam wenig Weihnachtsstimmung auf. Damals tat mir dieser Abstand gut. Ich musste mich weder zusammenreißen noch erklären und konnte die Tage anders erleben.
Eine Reise kann entlasten. Sie ist trotzdem kein allgemeines Rezept. Vielleicht möchtest du bei deiner Familie sein, nur für ein paar Stunden kommen oder dieses Jahr ganz zu Hause bleiben.
Vielleicht hilft dir bei der Entscheidung eine einfache Frage: Was ist in diesem Jahr für mich tragbar?
Die Antwort kann jedes Jahr anders ausfallen.
Manche belastenden Momente lassen sich vorhersehen. Vielleicht weißt du bereits, dass beim Familienessen nach euren Plänen gefragt wird oder sich viele Gespräche um Kinder und Familienleben drehen werden.
Es kann helfen, vorher zu überlegen:
Du brauchst keine ausführliche Begründung für jede Entscheidung.
Ein Satz wie „Wir möchten darüber heute nicht sprechen“ kann ausreichen. Ebenso: „Ich merke gerade, dass ich eine Pause brauche.“
Auch als Paar lohnt es sich, vorher miteinander zu sprechen. Vielleicht möchte einer lange bleiben, während der andere am liebsten nach dem Essen gehen würde. Eine klare Vereinbarung kann einen Streit mitten in der Situation vermeiden.
Mehr dazu, wie du mit Erwartungen und belastenden Bemerkungen umgehen kannst, findest du auf meiner Themenseite Sozialer Druck beim Kinderwunsch.
Vielleicht weißt du, dass deine Eltern traurig wären, wenn du an Weihnachten nicht kommst. Deine Abwesenheit würde auffallen, Fragen auslösen oder eine Tradition verändern, die für alle wichtig ist. Dann ist die Entscheidung nicht leicht. Du möchtest auf dich achten und zugleich niemanden verletzen.
Vielleicht hilft es, deine Entscheidung frühzeitig und ehrlich anzusprechen:
„Ich weiß, dass es für euch schade ist. Mir fällt die Entscheidung auch nicht leicht. In diesem Jahr brauche ich Weihnachten anders.“
Es kann sein, dass deine Familie enttäuscht ist. Das musst du nicht wegreden. Vielleicht lässt sich eine andere Form finden: ein Treffen an einem anderen Tag, ein paar gemeinsame Stunden oder eine kleinere Runde.
Und vielleicht bleibt trotzdem ein Rest von schlechtem Gewissen. Du kannst verstehen, dass deine Entscheidung andere traurig macht, und trotzdem bei dem bleiben, was du in diesem Jahr brauchst.
In der Adventszeit füllen sich soziale Netzwerke mit Familienfotos und sorgfältig inszenierten Weihnachtsmomenten.
Vielleicht schaust du gerne, was andere an diesen Tage teilen. Vielleicht merkst du nach wenigen Minuten, dass du dich schlechter fühlst.
Dann kann eine Pause guttun. Du kannst einzelne Accounts vorübergehend ausblenden, Benachrichtigungen ausschalten oder die Apps für einige Tage löschen.
Ein Weihnachtsfoto zeigt nur einen Augenblick. Dieser Gedanke nimmt den eigenen Schmerz nicht weg, kann aber helfen, das sichtbare Leben anderer nicht mit dem gesamten eigenen Leben zu vergleichen.
Unsere Reisen über Weihnachten waren eine Zeit lang der richtige Weg. Auf Dauer merkte ich jedoch, dass mir etwas fehlte. Ich vermisste den vertrauten Zauber im Jahresablauf.
Das wurde mir besonders auf einer Reise nach Nepal bewusst.
Mein Mann und ich waren mit Freunden unterwegs zum Base Camp des Mount Everest. Heiligabend war der erste Tag unserer Trekkingtour. Erschöpft kamen wir in einer kalten und ungemütlichen Berghütte an.
Zum Abendessen gab es einfaches Linsendal. In Gedanken sahen wir die warmen Wohnzimmer unserer Familien und das Weihnachtsessen, das dort vermutlich gerade auf dem Tisch stand.
Dann fielen uns die Plätzchen ein.
Die Schwester meines Mannes hatte uns vor dem Abflug eine Tüte mit selbstgebackenen Plätzchen mitgegeben. Plötzlich kam Leben in unsere Runde. Wir teilten die Plätzchen, erzählten von früheren Weihnachtsfesten und freuten uns über dieses kleine Stück Heimat.
In diesem Moment hätte ich nirgendwo anders sein wollen.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass es nicht das vollständige Weihnachtsprogramm braucht. Manchmal reicht ein vertrauter Geschmack, ein Lied oder ein kleines Ritual. Vielleicht lässt du das große Familienfest in diesem Jahr aus, verbringst den Tag mit Freunden, kochst dein Lieblingsessen oder gehst lange nach draußen.
Weihnachten darf sich verändern, ohne dass alles Vertraute verschwinden muss.
Wer keine Kinder hat, kann an Feiertagen den Eindruck bekommen, am Rand einer Familienwelt zu stehen. Warum sich ein unerfüllter Kinderwunsch selbst unter vertrauten Menschen einsam anfühlen kann, beschreibe ich in meinem Artikel Warum man sich bei unerfülltem Kinderwunsch so einsam fühlen kann.
Viele Feiern orientieren sich an Eltern, Kindern und den über Jahre gewachsenen Traditionen innerhalb der Familie.
Vielleicht gibt es aber Menschen in deinem Freundeskreis, die Weihnachten ebenfalls anders verbringen möchten: weil sie keine Familie in der Nähe haben, allein leben, keine Kinder haben oder einfach Lust auf ein gemeinsames Fest außerhalb der üblichen Abläufe haben.
Daraus kann ein Abend entstehen, bei dem niemand eine bestimmte Rolle erfüllen muss. Ihr kocht zusammen, jeder bringt etwas mit oder ihr gestaltet den Tag ganz anders. Wie groß die Runde ist, spielt dabei keine Rolle. Wichtiger ist, dass du dich willkommen und zugehörig fühlst.
Vielleicht planst du alles sorgfältig und wirst an Heiligabend trotzdem traurig. Ein Lied, eine Erinnerung oder ein beiläufiger Satz kann reichen, und der Kinderwunsch ist plötzlich wieder ganz nah.
Solche Momente gehören vielleicht zu diesem Weihnachten. Daneben kann trotzdem Platz sein für ein gutes Gespräch, ein gemeinsames Essen oder einen Augenblick, in dem du herzlich lachst.
Du kannst dich über eine Einladung freuen und trotzdem früh nach Hause gehen. Du kannst die Menschen um dich herum lieben und dich in ihrer Mitte kurz allein fühlen.
Weihnachten muss nicht durchgehend schön sein, damit etwas Schönes darin vorkommen kann.
Vielleicht möchtest du dieses Jahr verreisen, die Familienfeier früher verlassen oder zum ersten Mal selbst einladen. Vielleicht passt ein ruhiger Heiligabend besser – und am nächsten Tag etwas, auf das du dich freust.
Was in diesem Jahr zu dir passt, ist keine Entscheidung für alle kommenden Weihnachtsfeste. Du kannst ausprobieren, mit wem du feiern möchtest, wie lange du bleibst und welche Traditionen du beibehältst oder veränderst.
Die Traurigkeit wird dadurch vielleicht nicht verschwinden. Aber sie muss nicht das ganze Fest bestimmen.
Überlege, welche Situationen dich besonders belasten und was dir den Tag erleichtern könnte: eine kürzere Familienfeier, eine Reise, ein Treffen mit Freunden oder ein ruhiger Heiligabend zu Hause. Plane auch eine Möglichkeit ein, früher zu gehen.
Eine knappe Antwort reicht: „Wir möchten heute nicht darüber sprechen.“ Du kannst das Thema auch wechseln oder das Gespräch verlassen. Wie viel du erzählst, entscheidest du selbst.
Ja. Vielleicht ist eine Reise oder ein anderes Fest in diesem Jahr die passendere Entscheidung. Das bedeutet nicht, dass dir deine Familie unwichtig ist.
Wähle bewusster aus, welchen Situationen und Bildern du dich aussetzt. Eine Pause von Social Media, klare Absprachen für Familienfeiern und Begegnungen, bei denen der Kinderwunsch nicht ständig im Mittelpunkt steht, können entlasten.
Versuche nicht, jeden schwierigen Moment zu verhindern. Traurigkeit gehört möglicherweise zu diesem Weihnachtsfest dazu. Sie kann neben einem guten Essen, einem Spaziergang, einem vertrauten Gespräch oder einem schönen Abend bestehen.
Eine Klientin sagte einmal zu mir:
„Mein Mann und ich lieben uns. Das ist ein großes Glück. Wir sind uns Familie.“
Dieser Satz ist mir geblieben.
Vielleicht sieht dein Weihnachten anders aus als das Fest, das du dir einmal vorgestellt hast. Das macht es nicht bedeutungslos. Nähe und Zugehörigkeit können verschiedene Formen annehmen.
Du musst das Fehlende nicht schönreden. Und du kannst trotzdem nach dem suchen, was dieses Weihnachten tragen könnte.
Vielleicht sind es selbstgebackene Plätzchen in einer Berghütte, ein vertrauter Mensch, ein Ortswechsel oder ein neues Ritual.
Es muss kein perfektes Weihnachtsfest werden.
Ein stimmiges reicht.
Wenn die Wochen vor Weihnachten viel Traurigkeit, Anspannung oder Konflikte auslösen, kann ein Gespräch mit einer unbeteiligten Person entlasten.
Im Coaching kann es darum gehen, herauszufinden, welche Begegnungen dir guttun, wo du Grenzen setzen möchtest und wie du mit widersprüchlichen Gefühlen umgehst. Auch unterschiedliche Vorstellungen als Paar können dabei besprochen und sortiert werden.
In einer kostenfreien und unverbindlichen Erstberatung schauen wir gemeinsam, ob ein Coaching zu deiner Situation passt.
Claudia Moser ist seit 2016 Systemische Coach und PEP®-Anwenderin. Sie begleitet Frauen, Männer und Paare bei den psychischen und partnerschaftlichen Herausforderungen eines unerfüllten Kinderwunsches. Aus eigener Erfahrung kennt sie einen langen Kinderwunschweg und weiß, wie sehr sich die Sehnsucht nach einem Kind gerade an Feiertagen bemerkbar machen kann.
In ihrem Coaching unterstützt sie Menschen dabei, mit belastenden Gefühlen umzugehen, eigene Grenzen ernst zu nehmen und einen Weg zu finden, auf dem neben dem Kinderwunsch auch das übrige Leben wieder mehr Raum bekommt. Mehr über das Coaching-Angebot von Claudia Moser.
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