Sekundäre Sterilität
beim zweiten Kind: Warum die Situation oft schwerer ist, als andere denken
Von Claudia Moser, Systemische Coach für Kinderwunsch
Wer bereits ein Kind hat, rechnet meist nicht damit, dass ein weiterer Kinderwunsch zu einem Problem werden könnte.
Vielleicht dauert es etwas länger. Vielleicht braucht es Geduld. Aber grundsätzlich scheint der Weg bekannt.
Umso verunsichernder kann es sein, wenn Monat für Monat vergeht und keine Schwangerschaft eintritt.
Viele Betroffene erleben dabei nicht nur Enttäuschung. Sie kämpfen zusätzlich mit Schuldgefühlen, Selbstzweifeln und dem Eindruck, ihre Trauer rechtfertigen zu müssen.
Denn da ist bereits ein Kind.
Und genau das macht die Situation oft so kompliziert.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
- Von sekundärer Sterilität spricht man, wenn nach einer bereits eingetretenen Schwangerschaft keine weitere Schwangerschaft entsteht.
- Die Ursachen können vielfältig sein und sollten medizinisch abgeklärt werden.
- Viele Betroffene erleben gleichzeitig Dankbarkeit für ihr vorhandenes Kind und Trauer über das ausbleibende weitere Kind.
- Schuldgefühle und fehlendes Verständnis von außen können die Belastung zusätzlich verstärken.
- Unterstützung kann helfen, besser mit der Unsicherheit und dem emotionalen Druck umzugehen.
Was bedeutet sekundäre Sterilität?
Von sekundärer Sterilität spricht man, wenn nach einer bereits eingetretenen Schwangerschaft trotz regelmäßigem ungeschütztem Geschlechtsverkehr über einen längeren Zeitraum keine weitere Schwangerschaft eintritt.
Medizinisch wird häufig nach zwölf Monaten von einem unerfüllten Kinderwunsch gesprochen. Bei Frauen über 35 Jahren empfehlen Fachgesellschaften oft bereits nach sechs Monaten eine Abklärung.
Der Begriff beschreibt zunächst die Situation. Er bedeutet nicht automatisch, dass eine weitere Schwangerschaft ausgeschlossen ist.
Warum das zweite Kind manchmal nicht kommt
Viele Menschen sind überrascht, wenn es beim zweiten Kind nicht mehr so leicht klappt wie beim ersten.
Mögliche Faktoren können sein:
Alter
Mit zunehmendem Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit, erneut schwanger zu werden – auch dann, wenn die erste Schwangerschaft unkompliziert verlaufen ist.
Körperliche und hormonelle Veränderungen
Erkrankungen wie Endometriose, hormonelle Veränderungen oder Folgen früherer Eingriffe können eine Rolle spielen.
Veränderungen der Fruchtbarkeit des Mannes
Auch die Spermienqualität kann sich im Laufe der Zeit verändern.
Unklare Ursachen
Manchmal wird trotz umfangreicher Untersuchungen keine eindeutige Ursache gefunden. Gerade diese Unsicherheit empfinden viele Betroffene als besonders belastend.
Wann ist eine medizinische Abklärung sinnvoll?
Bleibt eine Schwangerschaft trotz regelmäßigem Geschlechtsverkehr länger als zwölf Monate aus, wird eine medizinische Abklärung empfohlen.
Bei Frauen über 35 Jahren kann dies bereits nach sechs Monaten sinnvoll sein. Auch bekannte Vorerkrankungen oder frühere Fehlgeburten können Anlass sein, früher ärztlichen Rat einzuholen.
Wichtig ist dabei: Die medizinische Abklärung betrifft immer beide Partner.
Warum sekundäre Sterilität emotional oft so belastend ist
Die medizinische Seite ist nur ein Teil der Geschichte.
In meiner Arbeit als Coach erlebe ich häufig, dass Menschen vor allem mit den Gefühlen kämpfen, die diese Situation auslöst.
„Ich habe doch schon ein Kind – warum tut das trotzdem so weh?“
Ich erinnere mich an eine Frau, die zu mir ins Coaching kam. Sie hatte eine Tochter und liebte sie von ganzem Herzen.
Gleichzeitig litt sie darunter, dass ihr Wunsch nach einem zweiten Kind unerfüllt bleiben würde.
Während unseres Gesprächs sagte sie:
„Eigentlich dürfte ich doch gar nicht traurig sein. Andere haben gar keine Kinder.“
Dieser Gedanke begegnet mir immer wieder. Doch die Sehnsucht nach einem weiteren Kind wird nicht dadurch kleiner, dass bereits ein Kind da ist.
Wenn Dankbarkeit und Trauer gleichzeitig da sind
Viele Betroffene erleben etwas, das schwer auszuhalten sein kann: Sie sind dankbar für ihr Kind. Und gleichzeitig traurig darüber, dass kein weiteres Kind kommt.
Sie freuen sich über das, was sie haben. Und leiden unter dem, was fehlt.
Diese Gefühle schließen sich nicht gegenseitig aus. Sie können nebeneinander bestehen. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht sekundäre Sterilität für viele Menschen emotional so schwer verständlich – auch für sie selbst.
Nicht die Trauer allein belastet viele Betroffene, sondern auch der Zweifel, ob diese Trauer überhaupt berechtigt ist.
Wenn andere den Schmerz nicht verstehen
Viele Betroffene hören Sätze wie:
- „Sei doch froh, dass du schon ein Kind hast.“
- „Ihr seid doch schon eine Familie.“
- „Andere hätten gerne überhaupt ein Kind.“
Meist sind diese Aussagen gut gemeint. Trotzdem fühlen sich viele dadurch unverstanden und ziehen sich zurück.
Was sekundäre Sterilität mit der Partnerschaft machen kann
Nicht alle Menschen gehen gleich mit Belastungen um.
Während die eine Person möglichst schnell nach Lösungen sucht, braucht die andere vielleicht Abstand oder Zeit.
Manche möchten viel reden.
Andere ziehen sich zurück.
Dadurch können Missverständnisse entstehen, obwohl beide unter derselben Situation leiden.
Wenn euch das Thema belastet, findest du hier weitere Informationen zum Thema Kinderwunsch und Partnerschaft.
Was helfen kann
Die Situation lässt sich nicht immer verändern. Doch viele Menschen erleben, dass es einen Unterschied macht, wie sie mit ihren Gedanken, Gefühlen und den täglichen Herausforderungen umgehen. Oft entsteht Entlastung nicht dadurch, dass der Kinderwunsch verschwindet, sondern dadurch, dass er nicht mehr jeden Bereich des Lebens bestimmt.
- die eigenen Gefühle ernst zu nehmen,
- Schuldgefühle zu hinterfragen,
- belastende Gedanken bewusster wahrzunehmen,
- die Partnerschaft zu stärken,
- und den Blick auch auf andere Bereiche des Lebens zu richten, die Halt geben.
Es geht nicht darum, den Wunsch nach einem weiteren Kind aufzugeben. Es geht darum, dass er nicht das gesamte Leben bestimmt.
Wann Unterstützung sinnvoll sein kann
Manche Menschen kommen gut alleine durch diese Zeit. Andere merken, dass die Gedanken immer häufiger kreisen, die Belastung zunimmt oder Konflikte in der Partnerschaft entstehen.
Unterstützung kann besonders hilfreich sein, wenn
- sich deine Gedanken ständig um den Kinderwunsch drehen,
- Schuldgefühle und Selbstzweifel immer mehr Raum einnehmen,
- Gespräche mit deinem Partner oder deiner Partnerin schwieriger werden,
- du das Gefühl hast, mit deinen Gedanken allein zu sein.
Viele erleben dadurch mehr innere Ruhe und das Gefühl, wieder mehr Einfluss darauf zu haben, wie sie mit der Situation umgehen.
Wenn du das Thema nicht länger allein tragen möchtest
Ein unerfüllter Kinderwunsch für ein weiteres Kind kann viele Fragen, Gefühle und Unsicherheiten auslösen. Manchmal hilft es, mit einer außenstehenden Person darüber zu sprechen und die eigenen Gedanken nicht länger allein sortieren zu müssen.
In einem kostenfreien Erstgespräch lernen wir uns kennen und schauen gemeinsam, ob und wie ich dich unterstützen kann.
Häufige Fragen zur sekundären Sterilität
Sie liegt vor, wenn nach einer bereits erfolgten Schwangerschaft innerhalb von zwölf Monaten trotz regelmäßigem Geschlechtsverkehr keine erneute Schwangerschaft eintritt. (Quelle: WHO)
Weltweit erlebt etwa jede sechste Person im reproduktiven Alter Infertilität. Sekundäre Sterilität tritt in ähnlicher Größenordnung wie die primäre auf. (Quelle: WHO, CDC)
Sekundäre Sterilität bedeutet nicht automatisch, dass du dauerhaft unfruchtbar bist. Der Begriff beschreibt zunächst, dass nach einer früheren Schwangerschaft trotz Kinderwunsch keine weitere Schwangerschaft eingetreten ist. Ob eine medizinische Ursache vorliegt und wie die weiteren Chancen auf eine Schwangerschaft aussehen, lässt sich nur individuell beurteilen.
Ob Stress direkt zu Unfruchtbarkeit führen kann, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Er kann jedoch indirekt Einfluss nehmen, beispielsweise über Schlaf, Ernährung, Alkohol, Bewegung oder die sexuelle Lust. Gleichzeitig erleben viele Menschen einen unerfüllten Kinderwunsch selbst als erhebliche Belastung, die zusätzlichen Druck erzeugen kann.
In der Regel nach zwölf Monaten unerfülltem Kinderwunsch, bei Frauen über 35 Jahren häufig bereits nach sechs Monaten.
Sekundäre Sterilität ist ein medizinischer Begriff. Geschwisterkindwunsch beschreibt die persönliche und emotionale Seite des Wunsches nach einem weiteren Kind.
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Die Autorin
Claudia Moser ist systemische Coach und zertifizierte PEP®-Coach mit Spezialisierung auf die Begleitung von Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch.
Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie belastend ein unerfüllter Kinderwunsch sein kann. In ihrer Arbeit begleitet sie Frauen, Männer und Paare dabei, mit Belastungen, Unsicherheiten und schwierigen Entscheidungen rund um den Kinderwunsch umzugehen.
Mehr über Claudia Moser erfährst du auf ihrer Über-mich-Seite. Informationen zu Ablauf und Inhalten ihrer Begleitung findest du im Coaching-Angebot.